Liebe Frau Rostalski
Gespannt habe ich die jüngste Ausgabe der Sternstunde Philosophie (1) mit Ihnen als Gast angeschaut. Ihr Anliegen darauf aufmerksam zu machen, dass individuelle Verhaltensanpassungen von ein paar wenigen nicht genügen, kann ich gut nachvollziehen. Auch ich fühle mich in meinem alltäglichen Klimahandeln manchmal ziemlich im Stich gelassen. Deshalb finde ich es gut, dass Sie dieses Problem ansprechen und multinational koordinierte Schritte, wie zum Beispiel Klimaclubs einfordern.
Trotzdem hätte ich nun ein paar Fragen an Sie und würde mich freuen, wenn Sie mir diese beantworten könnten.
1️⃣Wirkt das Individuum oder wirkt es nicht?
Eines Ihrer zentralen Argumente ist folgendes: Das Individuum hat keine Pflicht zum Klimaschutz, weil es alleine keine Wirkung hat. Individuelle Heldentaten würden im Sand verlaufen oder sogar kontraproduktiv wirken, solange auf internationaler Ebene kein effektives System existiere, in das sie sich einfügen könnten. Ich bin da nicht ihrer Meinung und werde weiter unten auch noch erläutern wieso. Zuerst geht es mir hier aber um etwas anderes: Ist Ihre These nicht widersprüchlich? Weil wenn individuelles Handeln im positiven Sinne, also für weniger Emissionen, effektlos sein soll, wie kann es dann im negativen Sinne doch einen Effekt haben indem es kontraproduktiv wirkt. Ich würde sagen: Entweder wirkt es oder es wirkt nicht – sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung, oder sehe ich das falsch?
2️⃣ Woher haben Sie ihre Leakage-Raten?
Eine wichtige Stütze ihrer Argumentation ist das sogenannte Carbon Leakage. Sie beschreiben das so: «Wenn Europa weniger fossile Brennstoffe kauft, sinkt der Weltmarktpreis, andere Staaten kaufen mehr und verbrennen unter schlechteren Umweltstandards.» (2) Sie sprechen hier vom Leakage über den Energiepreis. Ja, das kann es geben. Aber nicht in einem solchen Ausmass, wie Sie es für eine stringente Argumentation brauchen würden. Der aktuelle IPCC-Bericht (3) verweist dazu auf zwei Studien, leider beide aus dem Jahr 2015. Die eine kommt zum Schluss, dass der Effekt nicht höher als 16 Prozent sein könne. Sprich: Wenn die Schweiz dank dem Ausbau der Erneuerbaren 100 Tonnen CO2 eingespart, kann das woanders dazu führen, dass 16 Tonnen mehr emittiert werden. Bei der anderen Studie liegen die Werte zwischen 0 und 50 Prozent. Die Unsicherheiten sind also gross. Aber auch im schlechtesten Fall verschiebt sich nicht einfach alles ins Ausland.
Neben dem Energiepreis kann es auch über den CO2-Preis zu Leakage kommen, zum Beispiel im Rahmen des Emissionshandelssystem (EHS). Eine jüngst veröffentlichte Studie der OECD (4) spricht davon, dass es im Mittel 14 Prozent sein können, in einzelnen Branchen auch mehr – hier geht es aber lediglich um energieintensive Branchen, die im internationalen Wettbewerb stehen. Sprich, vor allem um die Schwerindustrie – keineswegs aber um jegliche individuellen Handlungen. Bei der Schwerindustrie müssen wir durchaus ein Auge darauf haben. Hier braucht es Klimazölle, etwas worauf Sie ja auch hinweisen. Alles in allem sind die Leakage Effekte aber nicht so umfassend, dass dadurch jegliches Engagement verpufft – oder haben Sie Studien, die andere und vor allem auch breitere Leakage Effekte zeigen?
3️⃣Glauben Sie an den Markt?
Mehrere Male kommt im Gespräch der berühmte Hafermilch-Latte-Macchiato. Hier sehe ich aber wirklich nicht, wie meine Bestellung eines Hafer-Lattes zu Leakage woanders auf der Welt führen könnte. Wieso soll irgendwo irgendjemand ein Glas Kuhmilch mehr trinken, wenn ich Hafermilch bestelle? Mein Hafer-Latte hat ja nichts mit dem globalen Energiemarkt oder den Emissionen aus der Schwerindustrie zu tun – also zumindest nicht direkt. Es braucht lediglich ein paar weitere Leute, die es mir gleichtun und das Café wird am Abend eine Packung Kuhmilch weniger verbraucht haben und das nächste Mal einen Liter Hafermilch mehr kaufen. Passiert das in ein paar anderen Cafés auch noch, wird das schlussendlich einen strukturellen Wandel in der Landwirtschaft ankurbeln. Dieser wird für die Landwirte und Landwirtinnen eine Herausforderung, klar. Aber: Es muss nicht die ganze Welt auf Hafermilch-Lattes umsteigen, damit meine Bestellung eine Wirkung hat. Die Dynamik von Angebot und Nachfrage wirkt hier bereits viel kleinräumiger – oder glauben Sie nicht an diesen Markteffekt?
4️⃣ Pariser Abkommen oder EHS?
Sie sagen das Pariser Abkommen habe einen Wasserbetteffekt (Minute 12). Wie kommen Sie da drauf, wenn unter Paris doch alles freiwillig ist. Das verstehe ich nicht. Kann es sein, dass Sie vielleicht das Pariser Abkommen mit dem Emissionshandelssystem verwechselt haben? Hier kann es zu solchen Wasserbetteffekten kommen – aber die Staaten sind diesbezüglich nicht machtlos. Erst gerade letztes Jahr hat die deutsche Regierung im EHS über 500’000 Emissionsrechte löschen lassen, um Wasserbetteffekte zu verhindern und die Klimawirkung des Kohleausstiegs zu sichern (5).
5️⃣ Ist in der Schweiz Klimaschutz nicht direktdemokratisch legitimiert?
Es ist eher ein Detail, aber in Minute 37 argumentieren Sie mit Blick auf diverse Klimaklagen, dass es demokratietheoretisch heikel sein könnte, wenn Gerichte Klimaschutz durchsetzen würden anstelle der gewählten Politiker und Politikerinnen. Dieses Argument ist meiner Meinung nach im Schweizer Kontext nicht gültig. Das Schweizer Stimmvolk hat mit fast 60 Prozent für das Klimaschutzgesetz gestimmt. Der demokratische Wille für mehr Klimaschutz wurde hier also direkt vom Volk verkündet – den Umweg über die Repräsentation braucht es hier nicht zur Legitimation. Deshalb würde ich sagen: Im Falle der Schweiz setzen die Gerichte einfach den demokratischen Wille durch, wenn sie mehr Klimaschutz einfordern. Oder sehen Sie das anders?
6️⃣ Wären Sie für ein Flugverbot?
In Minute 24 geht es um die Emissionsexzesse der Superreichen mit ihren Luxusjachten und Privatjets. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wären Sie dafür, dass man «gewisse Formen von exzessivem Konsum» wohl am besten einfach verbieten sollte. Aus einer globalen Perspektive muss man jedoch sagen, dass auch das Flugverhalten von durchschnittlichen Europäern und Europäerinnen bereits ein ziemlicher Exzess ist – das gilt natürlich oder insbesondere auch für die Schweiz. Es mag einem vielleicht so vorkommen, als würden alle mehrmals pro Jahr in ein Flugzeug steigen – das ist aber nicht so. Laut einer Schätzung des WWF Schweiz haben 80 Prozent der Menschen noch nie ein Flugzeug bestiegen (6). Aus einer globalen Perspektive ist deshalb leider bereits der Flug in der Businessklasse ein Exzess. Wären Sie entsprechend für ein Flugverbot?
7️⃣ Wirke ich nicht viel vielfältiger?
Zu guter Letzt: Ich glaube, Sie unterschätzen wie vielfältig klimasensibles Verhalten wirkt. Ich kann an meine Klimaschutzbemühungen natürlich nicht den Anspruch haben, gleich die ganze Welt zu retten. Aber ich kann im Kleinen unterstützen. Wie ich das meine: Beispielsweise habe ich für meinen Plastikmüll ein Abo bei Mr. Green – mir ist bewusst, dass noch lange nicht alles Plastik rezykliert werden kann. Aber durch dieses Abo, konnte ich mithelfen, dass das Unternehmen wichtiges Knowhow aufbauen kann für eine Zeit, in der es flächendeckendes Plastikrecycling geben wird. Ähnlich bei den Nachtzügen: Kaufe ich hier ein Ticket, helfe ich mit, dass sich das Ganze rentiert und dereinst vielleicht neues und modernes Rollmaterial angeschafft werden kann. Und die Solarfirmen und Wärmepumpeninstallateure der ersten Stunden hätten ihre Technologie nie verfeinern können, wenn nicht ein paar Leute bereit gewesen wären, diese auch zu kaufen. Denken Sie die Wirkung von individuellem Handeln nicht viel zu eindimensional?
Wie bereits einleitend gesagt, Sie setzen den Fokus darauf, dass wir ein System schaffen müssen, in dem die einzelne Leistung Wirkung entfalten kann – dass das wichtig ist, da bin ich ganz bei Ihnen. Was ich aber nicht verstehe ist Folgendes: Wenn man zum Schluss kommt, dass das Engagement des Einzelnen verpufft, solange nicht alle mitmachen, müsste die Konklusion dann nicht eher sein, dass alle mitmachen sollten – und nicht, dass niemand eine Pflicht hat.
Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen. Schriftlich oder auch gerne bei einem Hafermilch-Latte 😉.
Freundliche Grüsse
Alex Tiefenbacher
🌊 Quellen:
(3) https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg3/downloads/report/IPCC_AR6_WGIII_Chapter12.pdf 👉 Seite 1319, Kapitel “Spillover Effects on the Energy Sector”
